Im Rahmen des Projekts «Elucidating the Neural Bases of Flexible Emotion Regulation in Autistic Children and Adolescents» erforscht Prof. Dr. Andrea Samson von der FernUni Schweiz, welchen emotionalen Herausforderungen autistische Kinder und Jugendliche begegnen und welche Bedeutung Humor für ihr Wohlbefinden hat. Das von der Palatin Stiftung unterstützte Projekt möchte diese Zusammenhänge besser verstehen und darauf aufbauend gezielte, alltagsnahe Strategien für Familien entwickeln.

Warum haben Sie sich entschieden, das Thema Autismus im Kindesalter zu behandeln?

AS: Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit Emotionen – damit, wie wir sie wahrnehmen, verstehen und regulieren, und wie sich diese Prozesse bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit unterschiedlichen Entwicklungsprofilen zeigen. Das Autismus-Spektrum ist dabei besonders interessant, weil es so vielfältig ist. Emotionen werden oft anders erlebt, zum Beispiel intensiver oder abgeschwächt, körperlicher, oder zeitlich verzögert. Dabei werden teils ganz eigene Wege entwickelt, Emotionen zu erleben und auszudrücken. 

Viele Studien zeigen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Autismus-Spektrum häufig Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation oder dem Erkennen eigener Gefühle haben. Diese Herausforderungen können über die Lebensspanne hinweg zu erhöhtem Stress, Ängsten, Depressionen oder sogar Burn-out beitragen – Themen, die viele Familien und unsere Gesellschaft insgesamt betreffen. 

Unser Ziel ist es daher, die zugrunde liegenden Mechanismen aus einer ressourcenorientierten und neurodiversen Perspektive besser zu verstehen und Wissen zu vermitteln, das wirklich weiterhilft. Wir möchten Wege aufzeigen, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – ob neurotypisch oder autistisch – dabei helfen, mehr emotionale Sicherheit zu gewinnen und ein Leben zu führen, das nicht frei von schwierigen Gefühlen sein muss, aber leichter, selbstbestimmter und erfüllter sein kann. 

Warum haben autistische Menschen Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren?

AS: Das hat viele verschiedene Ursachen. Emotionsregulation ist arbeitsintensiv, es müssen dafür also Ressourcen im Gehirn frei verfügbar sein. Autistische Gehirne filtern Informationen zuweilen anders, und müssen mehr Reize verarbeiten. Da kann eine starke Emotion rasch zu einer kompletten Überforderung führen.   Ein anderer wichtiger Faktor ist, dass sie ihre eigenen Gefühle nicht immer leicht erkennen oder einordnen können. Wenn man nicht genau weiss, was in einem vorgeht, ist es auch schwieriger zu wissen, wie man hilfreich darauf reagiert – besonders in bereits belasteten Situationen. 

Hinzu kommt, dass autistische Menschen im Laufe ihres Lebens oft weniger Zugang zu hilfreichen Strategien der Emotionsregulation bekommen. Einige lernen deshalb nur wenige Wege kennen, wie sie mit intensiven Gefühlen umgehen können – oder wie sie ihre positiven Emotionen bewusst stärken. Aber genau das ist eine wichtige Fähigkeit: zu wissen, was einem guttut, welche Aktivitäten positive Gefühle auslösen, und wie man diese bewusst in den Alltag einbauen kann. 

In unserer Arbeit ist es uns wichtig, diese Herausforderungen nicht als „Defizite“ zu betrachten, sondern aus einer neurodiversen Perspektive zu verstehen. Autistische Menschen fühlen und denken oft anders – und das verdient Anerkennung und Respekt. Unser Ziel ist nicht, diese Unterschiede zu „behandeln“, sondern Menschen dabei zu unterstützen, hilfreiche Strategien kennenzulernen, die ihr emotionales Wohlbefinden stärken können. Dazu gehören auch Ansätze aus der positiven Psychologie, die zeigen, wie man mehr Freude, Sicherheit und Selbstwirksamkeit im Alltag erleben kann. Ausserdem zeigt unsere Forschung, dass autistische, genau wie neurotypische Menschen, hilfreiche Strategien erlernen und anwenden können, wenn sie Gelegenheit dazu bekommen. 

Inwiefern kann der Einsatz von Humor ein hilfreiches Gegenmittel sein?

AS: Humor kann eine überraschend wirksame Ressource im Umgang mit Emotionen sein. Er hilft nicht nur dabei, schwierige Situationen zu entschärfen oder negative Gefühle abzumildern, sondern kann auch bewusst genutzt werden, um mehr Leichtigkeit und positive Emotionen in den Alltag zu bringen. Auch für autistische Kinder, Jugendliche und Erwachsene könnte Humor eine zugängliche Strategie sein, um Abstand zu gewinnen, Stress zu reduzieren und sich emotional zu stabilisieren. 

Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass humorvolle Perspektiven und kleine Momente des Schmunzelns dabei helfen können, Wohlbefinden und Resilienz zu stärken. Humor kann also nicht nur ein „Gegenmittel“ gegen Anspannung sein, sondern auch ein Weg, aktiv positive Erlebnisse zu schaffen – etwas, das im Alltag oft zu kurz kommt. 

Wichtig ist: Auch wenn man weiss, dass gewisse Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle spielen, ist Humor keine angeborene Fähigkeit, die man entweder „hat“ oder nicht. Viele Formen von Humor lassen sich fördern, üben und gemeinsam entdecken – etwa durch spielerische Übungen, durch überraschende Perspektivwechsel oder durch das Teilen lustiger Situationen im Alltag. Für manche Familien wird Humor sogar zu einer gemeinsamen Sprache, die Nähe schafft und den Umgang mit herausfordernden Momenten erleichtert. 

In diesem Sinne kann Humor eine wertvolle Ergänzung zu anderen Emotionsregulationsstrategien sein – ein Werkzeug, das Freude, Verbundenheit und Entlastung ermöglicht. 

 

Welche Botschaft möchten Sie Eltern autistischer Kinder mitgeben?

AS: Eine wichtige Botschaft unserer Studien an Eltern von Kindern mit Autismus ist: Sie sind nicht allein. Viele Familien stehen unter grossem Druck und kämpfen an ganz unterschiedlichen Stellen darum, die passende Unterstützung für ihr Kind zu finden – sei es auf dem Weg zur Diagnose, beim Zugang zu Förderangeboten oder im Umgang mit Stigmatisierung und Ausgrenzung. Gleichzeitig erleben wir, dass viele Eltern unglaublich engagiert sind und trotz dieser Herausforderungen Wege finden, ihrem Kind ein möglichst selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu ermöglichen. 

In unserer Forschung interessieren wir uns besonders für Ressourcen, die Eltern und Kindern helfen können. Dazu gehören Strategien der Emotionsregulation – sowohl solche, die helfen, schwierige Gefühle zu bewältigen, als auch solche, die positiven Emotionen stärken – einschliesslich Humor. 

Was bedeutet die Unterstützung der Palatin Stiftung konkret?

AS: Die Unterstützung der Palatin Stiftung bedeutet uns sehr viel. Sie ermöglicht es uns, wissenschaftliche Fragen zu bearbeiten, die bislang noch wenig erforscht sind, aber für das Verständnis von Autismus und emotionaler Entwicklung von grosser Bedeutung sind. Gemeinsam mit Dr. Cristina Berchio, wissenschaftliche Mitarbeiterin auf dem Projekt, werden wir die neuronalen Korrelate von Humor als Emotionsregulationsstrategie erforschen. Gleichzeitig gibt uns diese Förderung die Freiheit, ressourcenorientiert zu denken – also nicht nur Herausforderungen zu betrachten, sondern gezielt nach Stärken, hilfreichen Strategien und positiven Ansatzpunkten zu suchen. 

Durch diese Unterstützung können wir nicht nur neues Wissen schaffen, sondern auch konkrete Impulse für Familien entwickeln: Erkenntnisse, die im Alltag weiterhelfen, Orientierung bieten und vielleicht ein Stück Entlastung schenken. In diesem Sinne trägt die Palatin Stiftung dazu bei, Forschung und praktische Unterstützung enger miteinander zu verbinden – zum Wohle der Kinder, ihrer Eltern und der Gemeinschaft. 

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