Dieses Dissertationsprojekt untersucht die Rolle des brasilianischen Bundesstaates Bahia im globalen System der Kakaoproduktion und des Kakaohandels in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand der Geschichte der schweizerisch-brasilianischen Firma Wildberger & Cia.
Während eines Grossteils dieses Zeitraums war Bahia nach dem heutigen Ghana der zweitgrösste Kakaoproduzent der Welt. Wildberger & Cia. war der wichtigste Kakaoexporteur der Region und entwickelte sich später zu einem der grössten Grundbesitzer. Das Unternehmen verfügte über ausgezeichnete Verbindungen zu den politischen Eliten Bahias und vertrat zugleich europäische Banken und Schifffahrtsgesellschaften in der Region. Dadurch nahm es eine dominierende Stellung im Kakaogeschäft ein und beeinflusste die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Plantagenbesitzern und Arbeitskräften nachhaltig. Das Unternehmen war Teil eines Netzwerks, dessen Geschichte von der auf Sklavenarbeit basierenden Wirtschaft des frühen brasilianischen Kaiserreichs bis zum heutigen transnationalen Kapitalismus reicht. Aus einer akteurszentrierten Perspektive untersucht das Projekt, wie Wildberger & Cia. Bahia strukturell in den kapitalistischen Weltmarkt für Kakao integrierte. Im Zentrum stehen Fragen nach den dafür notwendigen Netzwerken und Verbindungen, nach den ihnen zugrunde liegenden Macht- und Ungleichheitsverhältnissen sowie danach, wie das Unternehmen die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts ohne direkte imperiale Unterstützung eines Staates überstehen konnte. Für dieses Projekt werden die Wildberger-Archive, das Privatarchiv eines in Bahia tätigen Kakaohandelshauses, erstmals für die historische Forschung erschlossen. Diese seltene Möglichkeit, den globalen Zwischenhandel zu untersuchen, schliesst eine wichtige Forschungslücke in der Geschichte des internationalen Kakaohandels und trägt zu einem besseren Verständnis der Entwicklung globaler Rohstoffmärkte im 20. Jahrhundert bei. Darüber hinaus beleuchtet das Projekt ein bedeutendes Kapitel der gemeinsamen schweizerisch-brasilianischen Geschichte, insbesondere im Hinblick auf die Entstehung wirtschaftlicher und transnationaler Eliten.
Die Dissertation wird gemeinsam betreut von Professor Bernhard C. Schär (FernUni Schweiz) und Pierre Eichenberger, Maître d’enseignement et de recherche an der Universität Lausanne.