Dieses Dissertationsprojekt untersucht den Wandel der Fürsorgepraxis im Oberwallis zwischen 1940 und 1981.

Im Zentrum steht die Frage, wie Gemeinden, kirchliche Institutionen, karitative Organisationen und private Akteurinnen und Akteure in einer katholisch geprägten und überwiegend ländlichen Region der Schweiz auf Armut, soziale Notlagen und unterschiedliche Formen sozialer Randständigkeit reagierten.
Während die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sowie der ausserfamiliären Unterbringung von Kindern in den vergangenen Jahren in vielen Teilen der Schweiz intensiv erforscht worden ist, steht die Aufarbeitung für den Untersuchungsraum Oberwallis noch am Anfang. Die bisherige Forschung konzentrierte sich vor allem auf nationale Entwicklungen, städtische Kontexte oder die institutionelle Geschichte der Sozialpolitik. Das Projekt trägt dazu bei, diese Forschungslücke zu schliessen und die lokalen Ausprägungen und Praktiken des Fürsorgewesens sichtbar zu machen.
Dabei wird Fürsorge nicht allein als System sozialer Unterstützung verstanden, sondern als soziale Praxis, in der Zugehörigkeit und Ausschluss ausgehandelt wurden. Untersucht wird, wie unterschiedliche Akteurinnen und Akteure Bedürftigkeit definierten, Hilfsleistungen vergaben, Kontrolle ausübten und Eingriffe legitimierten. Besonderes Interesse gilt dem Spannungsfeld zwischen Unterstützung und Ausgrenzung sowie dem Verhältnis von karitativer Hilfe und fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, einschliesslich Kinderplatzierungen und administrativer Interventionen.
Auf der Grundlage von Gemeinde-, Kantons- und Kirchenarchiven rekonstruiert die Dissertation die alltägliche Funktionsweise des Fürsorgewesens im Oberwallis. Durch die Analyse des Zusammenspiels von Armut, moralischen Normen, sozialer Kontrolle und karitativer Unterstützung leistet das Projekt einen Beitrag zu aktuellen Forschungen über Wohlfahrt, soziale Ausgrenzung und die Rolle religiöser Akteurinnen und Akteure in europäischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts.

Dauer des Projekts

01.02.2026 - 31.01.2031

Mitarbeiter

Nick Zenzünen
Nick Zenzünen Doktorand
Prof. Dr. Christina Späti
Prof. Dr. Christina Späti Betreuerin