Welche Rolle spielte das Wallis in der Schweizer Kolonialgeschichte? Dieser Frage widmet sich eine Veranstaltung der FernUni Schweiz am 25. August 2026 im Kulturzentrum «Les Arsenaux» in Sitten. Im Zentrum steht der Walliser Missionar André Perraudin, der später Erzbischof in Ruanda wurde. Sein Lebensweg dient als Ausgangspunkt, um die Verbindungen zwischen dem Wallis und der Kolonialgeschichte näher zu beleuchten. Ein Historiker, ein Filmemacher und eine Museumsexpertin bringen unterschiedliche Perspektiven auf das Thema ein. Den Abschluss bildet eine Podiumsdiskussion.

Die Verbindungen zwischen der Schweiz und dem Kolonialismus fanden in der Schweizer Geschichtsschreibung lange Zeit wenig Beachtung. Inzwischen wächst das Interesse an diesem Teil der Geschichte. Die FernUni Schweiz greift das Thema aus einer Walliser Perspektive auf und rückt dabei den Lebensweg von André Perraudin in den Fokus. Der Walliser war Mitglied der Weissen Väter und wirkte während der Kolonialzeit in der katholischen Kirche in Ruanda.

Drei Perspektiven auf eine wenig bekannte Geschichte

Der Historiker Lukas Zürcher beleuchtet die Rolle der Missionare und zeigt auf, wie sie die Schweizer Vorstellungen von Ruanda prägten. Dabei wurde Ruanda teilweise als eine Art «alpine Schwester» der Schweiz dargestellt. Der schweizerisch-ruandische Filmemacher Shyaka Kagame widmet sich der Bedeutung Perraudins für die Geschichte Ruandas und geht der Frage nach, wie sich dessen Einfluss auf seine eigene Familiengeschichte noch unerforscht auswirkte. 

Eine dritte, museale Perspektive bringt die Kunsthistorikerin Helen Bieri Thomson ein. Sie ist Direktorin des Schlosses Prangins und Mitglied der Direktion des Schweizerischen Nationalmuseums. Anhand verschiedener Objekte zeigt sie, wie kulturelle Institutionen die Schweizer Kolonialgeschichte heute aufarbeiten und vermitteln können. 

Im Anschluss an die drei Beiträge findet eine Podiumsdiskussion statt. Moderiert wird sie von Caroline Montebello, Postdoktorandin in der Forschungsgruppe Globalgeschichte Europas und der Schweiz, sowie von deren Leiter Prof. Dr. Bernhard C. Schär, Professor für Zeitgeschichte an der FernUni Schweiz. 

«Die Schweiz war Teil der Kolonialgeschichte »

Für Bernhard C. Schär bedeutet das Fehlen eigener schweizerischer Kolonien nicht, dass die Schweiz ausserhalb des Kolonialismus stand. «Kolonialismus war nie ausschliesslich eine Form politischer Fremdherrschaft, sondern umfasste auch wichtige wissenschaftliche, religiöse, wirtschaftliche und kulturelle Dimensionen», erklärt er. 

Über Handelsgesellschaften, Banken, Missionen, Universitäten und Museen war die Schweiz in die Dynamiken der europäischen Expansion eingebunden. Auch das Wallis war Teil dieser Netzwerke, wenngleich seine Rolle bislang nur wenig erforscht ist. 

Der Lebensweg von André Perraudin veranschaulicht diese Verflechtungen. Als Missionar in Ruanda übte er während der Kolonialzeit und auch nach der Unabhängigkeit bedeutenden Einfluss aus. Seine Biografie bietet einen Ausgangspunkt, um die Verbindungen zwischen Religion, Politik und Gesellschaft in der Geschichte Ruandas zu beleuchten.

Noch heute sichtbare Spuren

Diese Geschichte hat auch im Wallis Spuren hinterlassen: in Denkmälern, Museen, Gebäuden und Sammlungen. Ein Beispiel dafür ist die Villa Cassel auf der Riederfurka. Sie wurde von einem deutsch-britischen Bankier erbaut, der in London zu seinem Vermögen gelangte. Inwiefern dieses Vermögen mit kolonialen Wirtschaftssystemen verbunden war, ist bislang jedoch noch nicht abschliessend erforscht. 

Für Bernhard C. Schär geht es nicht darum, die Geschichte des Wallis neu zu schreiben, sondern sie um neue Perspektiven zu ergänzen. Dabei stellen sich Fragen zu Personen, Kapital, Wissen und Vorstellungen, die zwischen dem Wallis und kolonial geprägten Räumen zirkulierten. Die Veranstaltung mit anschliessender Podiumsdiskussion am 25. August 2026 soll so zu einem besseren Verständnis der Rolle des Wallis in der Schweizer Kolonialgeschichte beitragen und aufzeigen, wie deren Spuren bis in die Gegenwart reichen. 

Praktische Informationen
Wann? Dienstag, 25. August 2026, von 18:45-20:15 Uhr
Wo? Les Arsenaux, Sitten

Vollständiges Programm und praktische Informationen

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