• Geschichte

Am 8. Oktober 2026 wurde im Kino Capitol in Brig der Dokumentarfilm «Nebelkinder» von Regisseurin Corinne Kuenzli gezeigt. Die von der Mediathek Wallis – Brig und der FernUni Schweiz gemeinsam orga-nisierte Veranstaltung widmete sich der Geschichte ehemaliger Heim- und Verdingkinder in der Schweiz. Im Anschluss an die Filmvorführung bot ein Podiumsgespräch Gelegenheit, die historischen Hinter-gründe zu vertiefen und über die Bedeutung der gesellschaftlichen Aufarbeitung zu diskutieren.

Wenn die Vergangenheit Generationen prägt

Der Dokumentarfilm «Nebelkinder» begleitet ehemalige Heim- und Verdingkinder sowie ihre Familien bei der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit. Im Mittelpunkt stehen persönliche Schicksale, die Auswirkungen traumatischer Kindheitserfahrungen auf nachfolgende Generationen und der schwierige Weg, über lange verschwiegene Erlebnisse zu sprechen.

Der Film macht deutlich, dass die Folgen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen weit über die unmittelbar Betroffenen hinausreichen. Er zeigt, wie Schweigen und Verdrängung Familien über Generationen prägen können und welche Bedeutung das Erzählen, Zuhören und gegenseitige Verstehen für die Aufarbeitung haben.

Persönliche Schicksale und historische Verantwortung

Im anschliessenden Podiumsgespräch, moderiert von der Journalistin Ruth Seeholzer, wurden die im Film aufgegriffenen Themen aus persönlichen, historischen und politischen Perspektiven vertieft. Regisseurin Corinne Kuenzli berichtete, wie sie durch die eigene Familiengeschichte einen persönlichen Zugang zum Thema fand. Die Begegnungen mit Betroffenen und die Recherchen in Archiven ermöglichten ihr vertiefte Einblicke in weitere Familiengeschichten, die über Generationen hinweg von Ausgrenzung, Schweigen und traumatischen Erfahrungen geprägt waren.

Die Historikerin Tanja Rietmann, Lehrbeauftragte an der FernUni Schweiz und Forscherin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern, ordnete die Schicksale in ihren historischen Kontext ein. In der Schweiz waren vermutlich mehrere Hunderttausend Erwachsene und Kinder von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen betroffen. Während Erwachsene oft in Anstalten «versorgt»  wurden, wurden Kinder häufig als kostengünstige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft eingesetzt. Die damaligen Praktiken gingen mit schwerwiegenden Verletzungen der Kinder- und Menschenrechte einher und verdeutlichen zugleich die historische Benachteiligung von unverheirateten Frauen, etwa im Vormundschaftswesen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Aufarbeitung im Wallis. Während Tanja Rietmann auf den Mangel an historischer Forschung zur Situation im Kanton hinwies, thematisierte Claudia Alpiger, Präsidentin der SP Oberwallis, den gesellschaftlichen Umgang mit schwierigen Kapiteln der Vergangenheit. Thematisiert wurden auch die bereits erfolgte offizielle Entschuldigung und die Errichtung einer Gedenktafel in Sitten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die historische Aufarbeitung im Wallis noch zahlreiche offene Fragen aufwirft.

Geschichte sichtbar machen und den Dialog fördern

Mit der gemeinsamen Veranstaltung schufen die Mediathek Wallis – Brig und die FernUni Schweiz Raum für den Austausch über ein lang verdrängtes Kapitel der Schweizer Geschichte. Der Film und die anschliessende Diskussion verdeutlichten, wie wichtig es ist, den Betroffenen Gehör zu verschaffen, ihre Erfahrungen sichtbar zu machen und die historische Aufarbeitung weiterzuführen. Gerade im Wallis, wo noch viele Fragen offen sind, bleibt die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

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