Die Schweiz wird häufig als kleines neutrales Land dargestellt, das abseits der grossen politischen und imperialen Konflikte der Vergangenheit stand. Tatsächlich war sie jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eng mit den Umwälzungen verbunden, die Europa und die Welt grundlegend veränderten.

Das Projekt fragt deshalb danach, was es bedeutet, die Schweiz nicht als Randgebiet der Globalgeschichte zu verstehen, sondern als aktiven Knotenpunkt innerhalb jener Netzwerke, die die moderne Welt prägten.

Der erste Forschungsschwerpunkt untersucht die Verbindungen der Schweiz zu zwei bedeutenden Eisenbahnprojekten: dem Orient-Express und der Bagdadbahn (Berlin-Bagdad-Bahn). Eisenbahnen waren nicht nur Infrastrukturen für den Transport von Menschen und Waren, sondern zugleich Instrumente wirtschaftlicher Expansion, diplomatischer Beziehungen und imperialer Konkurrenz. Schweizer Ingenieure, Finanziers und technische Experten waren an diesen internationalen Projekten beteiligt. Ein Beispiel hierfür ist Jakob Müller aus Luzern, der um die Jahrhundertwende Direktor des Orient-Express wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg schuf der Simplon Orient-Express eine neue Route durch die Schweiz und die Alpen und unterstrich damit erneut die Bedeutung des Landes innerhalb der sich wandelnden europäischen Verkehrsnetze. Dieser Forschungsschwerpunkt untersucht die schweizerische Beteiligung an diesen Projekten durch Fachwissen und Finanzströme vom späten 19. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit.

Der zweite Schwerpunkt befasst sich mit der Schweiz während des Ersten Weltkriegs, als rund 67'000 verwundete oder erkrankte Kriegsgefangene sowohl der Entente-Mächte als auch der Mittelmächte im Land interniert wurden. Ab 1916 wurden ausgewählte Kriegsgefangene aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Grossbritannien zur medizinischen Behandlung in die Schweiz aufgenommen. Ihre Auswahl beruhte auf zuvor vereinbarten medizinischen Kriterien und wurde nicht nur von Ärzten der kriegführenden Staaten, sondern auch von schweizerischen Ärztekommissionen beurteilt. Dieses System verband Humanitarismus, Medizin und Diplomatie und macht sichtbar, auf welche Weise die schweizerische Neutralität im Krieg praktisch umgesetzt wurde.

Anhand ausgewählter Kriegsgefangenenlager in den Kantonen Waadt, Bern und Wallis, darunter Château-d’Œx, Leysin, Mürren, Crans-Montana, Brig, Visp und Zermatt, untersucht das Projekt Fragen der Überwachung, Gouvernementalität und sozialen Ordnung.

Dauer des Projekts

01.09.2026 - 31.07.2031

Mitarbeiter

Dr. Victoria Abrahamyan
Dr. Victoria Abrahamyan Postdoktorandin