- Dr. Michele Sollai: Postdoktorand im Projekt vom 1. März 2025 bis zum 28. Februar 2026. Derzeit ist er als SNF-Ambizione Senior Researcher am Institute for European Global Studies der Universität Basel tätig.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückten Umweltfragen zunehmend ins Zentrum der öffentlichen Politik in Europa. Unternehmen wurden dabei häufig als zentrale Verursacher von Umweltproblemen dargestellt. Wenig untersucht ist jedoch bislang, wie organisierte Wirtschaftsinteressen auf die zunehmende Umweltregulierung reagierten, diese beeinflussten und an ihrer Gestaltung mitwirkten. Das Projekt untersucht daher aus historischer Perspektive die Rolle wirtschaftlicher Interessenverbände in Westeuropa zwischen 1945 und der Mitte der 1990er-Jahre.
Über vereinfachende Vorstellungen eines grundsätzlichen Widerstands der Wirtschaft gegen Regulierung hinaus analysiert die Studie die strategischen, politischen und institutionellen Dimensionen unternehmerischen Engagements in Umweltfragen. Im Mittelpunkt stehen fünf nationale Dachverbände der Wirtschaft: der BDI (Deutschland), der SHIV (Schweiz), der CBI (Vereinigtes Königreich), der CNPF (Frankreich) sowie Confindustria (Italien). Untersucht wird, wie diese Organisationen Umweltprobleme definierten, auf regulatorische Initiativen reagierten und versuchten, nationale wie auch supranationale Politiken zu beeinflussen. Die Verbände vereinten eine grosse Vielfalt von Unternehmen, darunter regionale Handelskammern und Branchenverbände, die in unterschiedlicher Weise von neuen Umweltvorschriften betroffen waren. Das Projekt analysiert die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Umweltregulierung auf Unternehmen, insbesondere hinsichtlich möglicher Gewinneinbussen, sektoraler Ungleichheiten und der Wettbewerbsfolgen nationaler beziehungsweise internationaler Standards. Darüber hinaus untersucht die Studie, wie die Verbände trotz unterschiedlicher Interessen gemeinsame Positionen entwickelten und wie sie sich über europäische Organisationen wie den Conseil des fédérations industrielles d’Europe (CEIF) und die Union des confédérations de l’industrie et des employeurs d’Europe (UNICE) abstimmten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den 1970er-Jahren, als Umweltfragen durch die Einrichtung von Umweltministerien in vielen europäischen Ländern institutionell verankert wurden. In dieser Phase wandelten sich die Strategien der Wirtschaftsverbände: An die Stelle vorwiegend sektorspezifischer Diskussionen über Wasser-, Luft- oder Bodenverschmutzung trat zunehmend eine breitere Auseinandersetzung mit den Grundsätzen und Rahmenbedingungen der Umweltpolitik.
Das Projekt verfolgt vier zentrale Ziele:
Methodisch verfolgt die Studie einen historischen und vergleichenden Ansatz, der auf Archivforschungen in fünf nationalen Kontexten basiert. Im Zentrum stehen interne Dokumente bedeutender Wirtschaftsverbände, die eine detaillierte Analyse ihrer Strategien, Argumentationsmuster und Lobbyingpraktiken ermöglichen. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Veränderungen ihrer Positionen im Zeitverlauf, insbesondere in Phasen regulatorischer Verdichtung und institutionellen Wandels, etwa bei der Einrichtung von Umweltministerien oder der Entwicklung der Umweltpolitik der Europäischen Gemeinschaft. Darüber hinaus untersucht das Projekt die Beziehungen zwischen nationalen Wirtschaftsverbänden und europäischen Organisationen wie CEIF und UNICE. Analysiert wird, wie transnationale Zusammenarbeit und der Austausch von Erfahrungen die politischen Positionierungen der Verbände beeinflussten. Parallel dazu wird untersucht, wie Wirtschaftsverbände politisches Entscheidungspersonal mit Expertise versorgten und zur Entstehung, Verbreitung oder Anfechtung von Umweltstandards beitrugen. Auf diese Weise öffnet das Projekt die «Black Box» organisierter Wirtschaftsinteressen und zeigt die Vielschichtigkeit ihres Einflusses auf die Umweltgovernance in Westeuropa auf.
Research project funded by the Swiss National Foundation “Organised Business and Environmental Governance in Western Europe [1945-1995]”
Principal investigator: Prof. Dr. Sabine Pitteloud