Die Schweiz gehört zweifellos zu den am stärksten globalisierten Ländern der Welt. Sie zählt regelmässig zu den weltweit führenden Auslandsinvestoren, verfügt über einen bedeutenden Finanzplatz, eine dynamische Rohstoffhandelsbranche und geniesst internationale Bekanntheit durch Käse, Schokolade, Tennisstars sowie ihre Spitzenuniversitäten. Rund ein Viertel der Bevölkerung besitzt keine Schweizer Staatsangehörigkeit, und nahezu 40 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner haben mindestens ein im Ausland geborenes Elternteil. Dennoch fehlt bislang weitgehend eine systematische historiografische Analyse darüber, wie dieses politisch neutrale, binnenländische Land mit einem ausgeprägten Selbstverständnis nationaler Besonderheit paradoxerweise stets an vorderster Front der europäischen Expansion und Globalisierung stand.

In einem innovativen Ansatz löst sich dieses Forschungsprojekt von traditionellen nationalstaatlichen und eurozentrischen Perspektiven auf die Schweizer Geschichte. Zugleich eröffnet es neue Sichtweisen auf die europäische Imperiengeschichte insgesamt. Der Grund dafür ist einfach: Die Schweiz konnte sich nur deshalb an der imperialen Globalisierung beteiligen, weil ihre grösseren imperialen Nachbarn Schweizer Auswanderinnen und Auswanderern, Investorinnen und Investoren, Missionarinnen und Missionaren, Söldnern, Kaufleuten und vielen weiteren Akteuren Zugang zu den grossen imperialen Räumen Europas ermöglichten. Der Schweizer Fall macht deutlich, dass die europäische imperiale Expansion nicht allein durch nationale Konkurrenz, sondern ebenso durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit innerhalb Europas geprägt war. Die Geschichte der Schweiz ermöglicht es somit, Prozesse und Strukturen wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Integration sichtbar zu machen, die auf einer gemeinsamen und kooperativen imperialen Expansion beruhten. Das Projekt untersucht europäische Integration daher aus der Perspektive einer kollaborativen Expansion und nimmt dabei die Schweiz als zentrales Fallbeispiel in den Blick. Im Mittelpunkt stehen drei Regionen, in denen die Schweizer Präsenz im 19. Jahrhundert besonders ausgeprägt und langfristig war:

  1. Mangalore in der ehemaligen Region South Canara in Britisch-Indien (heute Küstenregion des Bundesstaates Karnataka), wo die Basler Mission ein weitreichendes Netzwerk von Missionsstationen, Fabriken, Schulen und einer Handelsgesellschaft aufbaute;
  2. Das Königreich Lesotho im südlichen Afrika, das während seines Widerstands gegen die Expansion der Burenstaaten und den britischen Kolonialismus eine enge Beziehung zu den Schweizer Missionaren der Pariser Evangelischen Missionsgesellschaft entwickelte;
  3. Bahia und Rio de Janeiro in Brasilien, wo sich eine der grössten Schweizer Kaufmannsgemeinschaften der damaligen Zeit niederliess. Deren Aktivitäten reichten vom Betrieb von Plantagen, einschliesslich Sklavenplantagen, über philanthropisches Engagement bis hin zur Modernisierung von Infrastrukturen und dem Export von Handelsgütern.

Auch methodisch setzt das Projekt wichtige Akzente. Alle drei Teilprojekte arbeiten mit Universitäten in den genannten Ländern zusammen, analysieren Quellen in europäischen und aussereuropäischen Sprachen und vermitteln ihre Ergebnisse sowohl an wissenschaftliche Fachgemeinschaften als auch an eine breitere Öffentlichkeit innerhalb und ausserhalb Europas. Indem das Projekt aufzeigt, wie gemeinsame historische Erfahrungen Bevölkerungen in Westeuropa, Lateinamerika, dem südlichen Afrika, Südasien und darüber hinaus bis heute unterschiedlich prägen, eröffnet es neue Perspektiven für die Gestaltung gemeinsamer Zukünfte in einer zunehmend globalisierten Welt.

Erfahren Sie mehr über das Team und das Projekt

Dauer des Projekts

01.01.2022 - 31.12.2026

Mitarbeiter

Prof. Dr. Bernhard C. Schär
Prof. Dr. Bernhard C. Schär Projektleiter

Hauptinstitution

Research project funded by the Swiss National Foundation  “Moral and economic entrepreneurship in Asia, Africa, Latin America, and Europe. A collaborative history of Global Switzerland c. 1830-1900”