Wissenschaftliches Seminar EDUDL+

Professionelle und digitale Kompetenzen von Lehrbeauftragten im Hochschulbereich

Am 7. Mai 2021 hat EDUDL+ ein Seminar zu Kompetenzmodellen im Hochschulwesen organisiert. Theoretische Kompetenzmodelle, institutionelle Entwicklungen und praktische Anwendungen von Kompetenzrahmen wurden vorgestellt und diskutiert. Das Seminar wurde von 16 Teilnehmenden von verschiedenen Universitäten und aus verschiedenen Ländern besucht. Ein Beitrag wurde aus technischen Gründen abgesagt.

Forschung und Entwicklung von Kompetenzmodellen in Genf und an der FernUni Schweiz

Die beiden von der Universität Genf und der FernUni Schweiz entwickelten Modelle sind Teil des nationalen Forschungs- und Entwicklungsprojekts P8 «Stärkung von Digital Skills in der Lehre» von swissuniversities.

MakeITEasy (Unige)

Das Projekt aus Genf – digitales Kompetenzmodell der Uni Genf mit der Online-Plattform Make It Easy – ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Akteure innerhalb der Universität Genf. Das Genfer Team hat bestehende Praktiken, die wissenschaftliche Literatur und Statistiken zu den digitalen Kompetenzen der Schweizer Bevölkerung berücksichtigt, um ein Modell zu entwickeln, das als pädagogisches Werkzeug zur Bewertung und Entwicklung der digitalen Kompetenzen des Universitätspersonals dient und auf einem gemeinsamen Vokabular und den bestehenden Ausbildungsangeboten basiert.

Andere Modelle wie DigComp und JISC dienten als Vorbild und wurden an den spezifischen Kontext der Universität Genf hinsichtlich Forschung und akademischer Arbeit angepasst. Das Genfer Modell richtet sich an die gesamte akademische Gemeinschaft: Studierende, Lehrbeauftragte, Mitarbeitende in den Bereichen Verwaltung und Technik. Es stellt die autonome Nutzung von Kompetenzen und die Anpassung an digitale Innovationen im Sinne der Entwicklung einer digitalen Identität und von «Computional Thinking» im Bereich Lehre, Lernen, Forschung und Entwicklung in den Mittelpunkt. Es unterscheidet vier Kompetenzstufen von «grundlegende Kenntnisse» bis «Experte». Für die Implementierung des Modells stellt die Plattform «Make IT easy» einen Zugang zu einem Selbsteinschätzungstool bereit. Als Ergebnis werden ein Profil der Digitalkompetenzen und ein entsprechender Katalog von Schulungsmöglichkeiten ausgegeben.

Edudemia (FernUni Schweiz)

Das Kompetenzmodell edudemia wurde von EDUDL+ an der FernUni Schweiz entwickelt. Vor der Entwicklung von edudemia wurde die wissenschaftliche Literatur über Hochschullehre und digitale Kompetenzen mit besonderem Augenmerk auf Fernunterricht sowie nationale und internationale Bildungspolitik konsultiert. Verschiedene theoretische Kompetenzmodelle, Rahmenwerke, empirische Forschungen und institutionelle Praktiken dienten als Modelle, die an den besonderen institutionellen, sozialen und kulturellen Kontext der Schweizer Hochschullandschaft angepasst wurden.

Dieses Modell richtet sich an Lehrbeauftragte an Hochschulen und konzentriert sich darauf, neben ihrer Identität als Forscherinnen und Forscher auch ihre berufliche Identität als Lehrbeauftragte zu entwickeln. Digitale Kompetenzen werden als grundlegende Kompetenzen angesehen und daher in alle Kompetenz- und Tätigkeitsfelder von Lehrbeauftragten im Hochschulbereich eingebettet. Der Grundgedanke besteht darin, die Kompetenzen zu identifizieren und zu entwickeln, die dem Bildungszweck an der Universität dienen.

Daher besteht der pädagogische Ausgangspunkt eher in der Annahme von Potenzialen als in der Betrachtung von Defiziten. Die Wertschätzung dieses Potenzials dient als Anreiz für die weitere Entwicklung. edudemia befindet sich im Prozess der empirischen Validierung. Der Zugriff wird über eine Web-Applikation zum Durchsuchen der Kompetenzdatenbank und für die Suche nach Einträgen aus verschiedenen Nutzerperspektiven möglich sein.

Ergebnisse der Gespräche

Der zweite Teil des Seminars war einer geführten Diskussion und kollaborativer Online-Arbeit über die Herausforderungen der Bewertung und Beurteilung digitaler Kompetenzen gewidmet. Ziel dieser Diskussion war es, durch das Teilen von institutionellen Praktiken, das Herausstellen der interessantesten Elemente der vorgestellten Modelle und das Nachdenken über das Potenzial und die Grenzen von Kompetenzmodellen Inspiration für die Projekte zu bieten.

Austausch bewährter Verfahren: Peer-Aktivitäten sind der Schlüssel

Die Teilnehmenden wurden gebeten, bewährte Praktiken für die Entwicklung und letztlich die Bewertung digitaler Kompetenzen zu teilen. Interessanterweise bezogen sich die meisten Beispiele auf Peer-Aktivitäten wie beispielsweise regelmässig stattfindende Diskussionsgruppen über die Digitalisierung im Bildungswesen, gegenseitige Inspiration und das Teilen von Gedanken und Erkenntnissen. Tatsächlich bestätigen beide Modelle die grosse Bedeutung, die der Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen bei der Entwicklung von digitalen Kompetenzen beikommt. Und doch bleibt die Frage, wie diese Peer-Aktivitäten für deren Bewertung genutzt werden können.

Wie erfolgsversprechend sind diese beiden Kompetenzmodelle?

Die Teilnehmenden haben die Flexibilität des Genfer Modells hervorgehoben, da es für eine breite Zielgruppe innerhalb einer Institution passend zu sein scheint, sowie die strukturierte und koordinierte Zusammenstellung bereits bestehender Angebote als Ausgangspunkt. Dies erlaubt es, von dem, was bereits entwickelt wurde, zu profitieren. Insgesamt ist es ein überzeugendes Modell. Im Hinblick auf edudemia wurde die Idee, die Lehr-Identität in den Mittelpunkt des Modells zu stellen und sich auf Ressourcen und nicht auf Defizite zu konzentrieren, als Elemente mit grossem Empowerment-Potenzial angesehen. Auch die Tatsache, dass edudemia den Versuch unternimmt, die theoretische und empirische Arbeit zu verbinden, wurde hervorgehoben. Diese Merkmale weisen auf den innovativen Charakter dieses Modells hin. Es kann festgehalten werden, dass das Genfer Modell einen eher systemischen Ansatz verfolgt, während edudemia die einzelnen Lehrbeauftragten und ihr Potenzial als Ausgangspunkt definiert. Somit ergänzen sich die beiden Modelle gegenseitig.

Welche Fähigkeiten braucht ein digitales Kompetenzmodell?

Die Diskussion über das Potenzial und die Grenzen der Nutzung von Kompetenzmodellen im Allgemeinen für die Evaluierung und Bewertung von digitalen – und anderen – Kompetenzen warf mehr Fragen auf, als dass sie konkrete Antworten lieferte. Je komplexer ein Modell ist, umso notwendiger ist die Priorisierung der Kompetenzen und Fähigkeiten, die gemessen werden sollen. Andererseits bergen weniger komplexe Modelle die Gefahr, dass die Kompetenzen und Fähigkeiten der Zielgruppe bagatellisiert werden. Anders gesagt: Die Herausforderung besteht darin, hinsichtlich der Kompetenzen und Einzelpunkte ein Gleichgewicht zwischen abstrakten und allgemeinen Beschreibungen und übermässig detaillierten Low-Level-Aktivitäten zu erzielen, um die Zielgruppen (Lehrbeauftragte, Studierende) nicht zu verlieren. Entwickler von Modellen sollten die intrinsische Motivation der Lehrbeauftragten nicht vergessen. In diesem Zusammenhang wurde die Frage nach dem Wert von «so vielen Aspekten von Kompetenzen» gestellt.

Daher wurde die Notwendigkeit, zu belegen, dass «digitale Kompetenzen wirklich ein Asset sind», als wichtig für die Motivation von Lehrbeauftragten bewertet. Die Teilnehmenden brachten konstruktive Ideen für die Weiterentwicklung der beiden Modelle sowie für ihre Implementierung zur Evaluierung und Bewertung digitaler Kompetenzen ein: Portfolios als flexible Instrumente zur Darstellung von Kompetenzen, Fallstudien, Peer-Reviews von Unterrichtsmaterial, Peer-Anleitung, Wirkungsfaktoren von Lehre und Lernmaterialien usw. So muss also die Evaluierung und Bewertung von digitalen Kompetenzen ein Gleichgewicht zwischen «learning by doing» (beispielsweise in Modulen mit definierten Lernergebnissen, unter Verwendung von Tools, wie es in diesem Seminar der Fall war) und der Messung von Kompetenzen mit traditionellen psychologischen Verfahren finden. Nicht zuletzt sollten auch die sozio-emotionalen und gesundheitlichen Aspekte von digitalen Kompetenzen und der Digitalisierung der Lehre und des Lernens berücksichtigt werden.

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